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Akupunktur 

Die Akupunktur ist Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und steht dort in Verbindung mit Kräutermedizin, Ernährung, Bewegungs-und Atemtherapien wie Qi Gong. Im Westen wird sie mittlerweile als Therapie für verschiedene Beschwerdebilder angewandt — und das mit großem Erfolg.

von Dr. Nicole Schaenzler

Meridiane sind nach chinesischer Vorstellung die Leitbahnen im Körper, auf denen die Lebenskraft Qi fließt. Sie sind die Grundlage für das System der Akupunktur (und auch der Akupressur). Sind diese Leitbahnen nicht durchlässig oder gar blockiert, kommt es zu Störungen von Körperfunktionen – und der Mensch wird schließlich krank. 

Die Akupunktur der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und verwandte Methoden versuchen nun, über bestimmte Punkte – nämlich über die auf den Meridianen liegenden Akupunkturpunkte – auf die Energieleitbahnen einzuwirken, und zwar:

  • durch Nadelung (Akupunktur).
  • durch Drücken, Reiben, Beklopfen, Massage (Akupressur, auch das japanische Shiatsu)
  • durch Wärme bzw. durch Kombination von Wärme und Kräutern (Moxibustion, Moxatherapie).

Bislang gibt es keine naturwissenschaftliche Theorie, die die Wirkungsweise der Akupunktur erklären kann; auch die Meridiane hat noch niemand gefunden. Fest steht allerdings: Akupunktur wirkt! Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) hat eine Liste mit medizinisch anerkannten Anwendungsbereichen für Akupunktur herausgegeben; dazu zählen u.a. Erkrankungen des Verdauungssystems, der Atemwege, des Bewegungsapparats und des Nervensystems. Inzwischen gibt es auch einige Untersuchungsergebnisse zur möglichen Wirkungsart von Akupunktur:

  • Der elektrische Hautwiderstand ist an den Akupunkturpunkten anders als bei der übrigen Haut.
  • Bei einer Akupunkturbehandlung werden Endorphine (körpereigene Anti-Schmerz-Stoffe) ausgeschüttet.

Im Fließgleichgewicht

Wie auch immer sie wirkt: Akupunktur ist – wie schon gesagt – eigentlich nur ein Teilbereich eines uralten, ganzheitlich-energetisch begründeten Heilsystems: der TCM. Die chinesische Heillehre birgt einen jahrtausendealten Erfahrungsschatz, der nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern mit bestimmten Grundsätzen und einer bestimmten Naturphilosophie verbunden ist. Zentral ist hierbei die Lebenskraft Qi.

Qi

Der von uns als »Lebenskraft« bzw. »Lebensenergie« übersetzte Begriff hat im Chinesischen verschiedene Bedeutungen, etwa: »Nahrung«, »Luft«, »Wind«, »Wolke«, »Atem«. Qi ist die Antriebskraft aller Abläufe; Qi befindet sich im Kosmos, in der Luft, in der Nahrung, um uns herum – und eben auch in uns. Die TCM kennt drei spezielle Speicherorte des Qi: die so genannten drei Dan Tien.
Akupunkturaspekt: Die Akupunkturpunkte stellen spezielle Punkte der Einflussnahme auf das Qi im Organismus dar.

Yin und Yang

Dem Wechselspiel der beiden polaren, sich gleichwohl ergänzenden Kräfte Yin und Yang kommt entscheidende Bedeutung zu. Sie sind wie die beiden Seiten eines Blatts – konträr, aber nur zusammen denkbar. Idealerweise bilden sie ein Fließgleichgewicht. Ist etwas oder jemand zu sehr Yang oder zu sehr Yin, dann ist dieses Gleichgewicht gestört und muss wieder harmonisert werden.
Akupunkturaspekt: Bei der Akupunktur stehen die Meridiane in Bezug zum Yin-Yang- System. Es gibt sechs Yin-Meridiane und sechs Yang-Meridiane. Jeweils ein Yin- und ein Yang- Meridian bilden eine Funktionseinheit, etwa der Lungenmeridian (Yin) mit dem Dickdarmmeridian (Yang).

Fünf Elemente

Die Lehre von den fünf Elementen stammt aus der Naturphilosophie, hat aber auch die TCM wesentlich beeinflusst. Im Gegensatz zur westlichen Vorstellung (mit den vier Elementen Erde, Feuer, Wasser, Luft) kennt die TCM die fünf Elemente Erde Wasser, Feuer, Metall, Holz. Nach chinesischer Vorstellung durchdringen und beeinflussen sich die Elemente in Wandlungsphasen gegenseitig und stehen u. a. mit Himmelsrichtungen, Jahreszeiten, Nahrungsmitteln – hier spielt die Ernährung nach den fünf Elementen eine Rolle – oder Organen in Beziehung.
Akupunkturaspekt: Um bei der oben erwähnten Meridian-Funktionseinheit als Beispiel zu bleiben: Dem Lungen- und Dickdarmmeridian ist das Element Metall zugeordnet (im Weiteren auch der Westen, der Spätnachmittag, der Herbst, die Farbe Weiß und als Emotionen Trauer und Kummer).

Punkte der Einflussnahme

Die »klassischen« 361 Akupunkturpunkte liegen an der Körperoberfläche auf den sogenannten Hauptmeridianen. (Bezieht man die Nebenmeridiane und die sogenannten Gefäße mit ein, gibt es – je nach Schule – 700 bis 1000 Akupunkturpunkte.) Die Hauptmeridiane sind »Organmeridiane«. Allerdings muss man den Begriff »großzügig« sehen, denn in der westlichen Medizin gibt es kein Organ namens »Dreifacher Erwärmer« – in der TCM gibt es aber einen Meridian dieses Namens. Die Hauptmeridiane sind paarig angelegt, den zwölf »Organen« zugeordnet und in Yin- und Yang-Meridiane unterteilt. Zudem bilden sie Funktionskreise.
Yang-Meridiane: Dünndarmmeridian, Drei­facher-Erwärmer-Meridian, Dickdarmmeridian, Blasenmeridian, Magenmeridian und Gallenblasenmeridian.
Yin-Meridiane: Herzmeridian, Perikardmeridian (auch: Herzbeutelmeridian, Kreislauf-Sexualität-Meridian), Lungenmeridian, Nierenmeridian, Milzmeridian und Lebermeridian.

Große Gefäße

Von den zwölf Organmeridianen sind zwei große Gefäße (von insgesamt acht ­Gefäßen) als Sondermeridiane wichtig. Sie sind im Gegensatz zu den Hauptmeridianen nicht ­paarig angelegt, sondern verlaufen einzeln in der Körpermitte.

  • Du Mai (Lenkergefäß oder Gouverneurgefäß, Yang): Das Lenkergefäß verläuft vom Dammpunkt über den Rücken und über den Kopf zur Oberlippe.
  • Ren Mai (Konzeptionsgefäß oder Dienergefäß, Yin): Das Konzeptionsgefäß verläuft vom Dammpunkt über Bauch(-nabel) und Brust zur Unterlippe.

Anregend oder sedierend – immer harmonisierend

Zu den »klassischen« 361 Akupunkturpunkten auf den Hauptmeridianen kommen in der Praxis noch ca. weitere 90 Extrapunkte dazu (Neupunkte bzw. Punkte außerhalb der Meridiane). Von einigen Punkten eines Meridians gehen besonders günstige Wirkungen aus. Es handelt sich dabei um:

  • Quellpunkte: Sie haben eine besonders günstige therapeutische Wirkung und werden häufig zusammen mit sogenannten Passagepunkten akupunktiert.
  • Passagepunkte: Mit dem Quellpunkt wird oft auch der Massagepunkt eines Meridians akupunktiert, der in einem Funktionszusammenhang mit dem Meridian des Quellpunkts steht.
  • Alarmpunkte: Jedes Organ besitzt einen sogenannten Alarmpunkt. Er ist bei chronischen Erkrankungen häufig druck- und berührungssensibel. Alarmpunkte werden gern zusammen mit Endpunkten von Meridianen behandelt.
  • Grenzpunkte: Grenzpunkte werden insbesondere bei akuten Erkrankungen akupunktiert.
  • Zustimmungspunkte: Sie liegen auf beiden Seiten der Wirbelsäule jeweils zwischen den Dornfortsätzen auf der Gabelung des Blasenmeridians und sind bei inneren Erkrankungen oft schmerzhaft. Sie haben also eine diagnostische Bedeutung (ebenso wie die Alarmpunkte).

Die Akupunkturbehandlung selbst wird mit Nadeln aus Gold, Silber oder Stahl durchgeführt. Bei einem erfahrenen Therapeuten ist sie schmerzfrei.

Das sollten Sie wissen

Wie läuft eine Akupunkturbehandlung ab?

Bei der Akupunktur wird mit sehr feinen Edelstahlnadeln an bestimmten Punkten der Körperoberfläche eingestochen. Die Behandlung erfolgt im Liegen. Nach dem Einstich, der einen leichten Schmerz verursachen kann, werden die Nadeln für bis zu 20 Minuten belassen. Pro Behandlung werden etwa sechs bis zwölf Nadeln gesetzt.

Ist die TCM eine Alternative zur westlichen Schulmedizin?

Fest steht: Die TCM ist kein Ersatz, keine Alternative und auch keine Konkurrenz zur westlichen Medizin. Vielmehr ist sie eine Ergänzung, eine ebenbürtige Komplementärmedizin, die auf einem anderen Denkansatz beruht als die westliche Medizin. Die westliche Medizin hat sich stark auf Teilgebiete und Technik konzentriert und dabei in einigen Fachrichtungen enorme Erfolge erzielt. Allerdings treten der Mensch als Ganzes und das ärztliche Gespräch oft in den Hintergrund. Die TCM sieht den Patienten in seiner Gesamtheit und berücksichtigt bei der Diagnostik energetische Systeme. Mit der Behebung von Störungen im Energiefluss hat die TCM erstaunliche Heilerfolge erzielt. Sie kann deshalb sinnvoll als Ergänzung bei Erkrankungen eingesetzt werden, die schulmedizinisch behandelt werden.

Wirkt die Akupunktur hauptsächlich bei ­chronischen Krankheiten?

Die Akupunktur ist nur ein Teilgebiet der TCM — neben der Arzneimitteltherapie, der chinesischen Diätetik, der Tuina-Massage und Bewegungsmeditationen wie Qi Gong und Tai Chi Chuan. Richtig ist, dass Akupunktur (bzw. auch Akupressur) und Moxibustion zwei Grundpfeiler der TCM sind und sehr gute Behandlungserfolge bei chronischen Erkrankungen zeitigen — also dann, wenn die westliche Medizin oft an ihre Grenzen stößt. Alle akuten und lebensbedrohlichen Krankheiten sind jedoch ohne Wenn und Aber ein Fall für die Schulmedizin. Die TCM ist vor allem in der Schmerztherapie erfolgreich. Bei der Gruppe der chronischen Erkrankungen seien beispielhaft ­genannt: Erkrankungen der Atemwege, des Magen-Darm-Trakts, des Bewegungsapparats, Haut­erkrankungen, Allergien und neurologische Störungen. Gute Therapiemöglichkeiten gibt es auch bei sogenannten funktionellen Beschwerden, bei denen keine organische Ursache gefunden werden kann, etwa bei Erschöpfungszuständen, Nervosität oder Schlafstörungen.

Was macht einen guten Akupunkteur aus?

Akupunktur beruht auf langjähriger Erfahrung. Dies wiederum setzt auch eine gute fachliche Ausbildung, z. B. ein Medizinstudium in Kombination mit einer fundierten Weiterbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin voraus. Und: Ein guter Akupunkteur muss kommunizieren können. Er muss in die Energiebahn des Patienten kommen, die bei jedem Menschen nicht nach Lehrbuch, sondern ganz individuell verläuft.

Sind Nebenwirkungen möglich?

Vereinzelt können Nebenwirkungen auftreten. Diese sind aber weit schwächer als bei einigen Therapien der Schulmedizin. Bei Teemischungen können zu Beginn vorübergehend Völlegefühl und Übelkeit auftreten. Bei der Akupunktur kann es bisweilen eine leichte Erstverschlimmerung von Beschwerden geben.

Was zahlen die Krankenkassen?

Das ist unterschiedlich. Am besten sollte man bereits vor Beginn der Behandlung einen Antrag an seine Krankenkasse stellen.

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