Bescheid wissen. Gesund bleiben.

Phantomton im Ohr

»Ich höre was, was Du nicht hörst« – Menschen, die von Tinnitus betroffen sind, leiden oft nicht nur unter andauernden Ohrgeräuschen, sondern auch unter weiteren Beeinträchtigungen wie Schlafstörungen oder Angstzuständen. Moderne interdisziplinäre Behandlungskonzepte tragen den vielschichtigen Auswirkungen eines ­Tinnitus Rechnung – und verhelfen den Betroffenen so oft zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität..

von Dr. Nina Schreiber

Dass Hören nicht nur ein Genuss, sondern auch eine Last sein kann, kennen wir alle: Der Lärm eines Presslufthammers oder eines Bohrers kann derart enervierend sein, dass man sich am liebsten die Ohren zuhalten möchte, bis es vorbei ist. Für drei Millionen Menschen in Deutschland ist diese Radikalmaßnahme keine Hilfe: Sie leiden unter Tinnitus.

Nach einer Umfrage der Deutschen Tinnitus-Liga haben rund 20 Millionen Menschen mindestens einmal in ihrem Leben Ohrgeräusche wahrgenommen. Bei den meisten verklingen die Töne im Ohr bereits nach wenigen Minuten wieder. Wenn Ohrgeräusche jedoch Tage, Wochen oder Monate anhalten, sprechen die Mediziner von Tinnitus, eine ernst zu nehmende Störung der akustischen Wahrnehmung, die umgehend in ärztliche Behandlung gehört. Halten die Ohrgeräusche länger als drei Monate an, ist die akute in eine chronische Form übergegangen.

Es pfeift, es rauscht, es zischt

Bei den einen machen sich die Ohrgeräusche als schrilles Pfeifen oder Zischen bemerkbar, andere hören ein nervtötendes Rauschen, Klingeln oder Summen. Auch Tonhöhe und Lautstärke sind nicht bei allen Betroffenen gleich ausgeprägt; die hohen, lauten Geräusche werden allerdings von den meisten als besonders unangenehm empfunden. Zudem können die Töne kontinuierlich andauern oder mit kurzen Unterbrechungen bestehen, sie können an- oder abschwellend sein. Inwieweit der Betroffene sich durch den Tinnitus beeinträchtigt fühlt, ist individuell unterschiedlich. Fakt ist jedoch: Vor allem ein chronischer Tinnitus kann massive Auswirkungen auf Körper und Psyche haben. Oft gesellen sich weitere Probleme wie Schlafstörungen, Unruhe, Konzentrationsprobleme oder Angstzustände bis hin zur Entstehung einer Depression hinzu. Je nach Belastungsgrad sprechen die Ärzte dann entweder von einem kompensierten Tinnitus, der gar nicht oder nur gelegentlich stört (Grad I und Grad II), oder von einem dekompensierten Tinnitus, der mit einem erheblichen Leidensdruck einhergeht (Grad III und Grad IV). 

Ein Symptom – unterschiedliche Auslöser

Tinnitus ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Für die Behandlung bedeutet das: Nicht das Symptom Tinnitus muss vordringlich behandelt werden, sondern die Ursachen – und manchmal auch die Folgen. Dabei kommen für die Ohrgeräusche, die nicht durch eine akustische Stimulation von außen entstehen, sondern scheinbar vom Ohr selbst erzeugt werden, ganz unterschiedliche Auslöser infrage; inzwischen sind mehr als 400 mögliche Ursachen und deren Kombinationen identifiziert, die zu einem Tinnitus führen können. Akute (z. B. ein Knall- bzw. Explosionstrauma) und chronische Lärmschäden gelten als die häufigsten bekannten Auslöser. Doch tritt der Tinnitus auch oft im Zusammenhang mit einer Ohr­erkrankung auf. Dazu gehören z. B.

  • Entzündungen des Gehörgangs, des Mittelohrs oder auch der Nasennebenhöhlen,
  • Hörsturz,
  • eine Otosklerose,
  • Altersschwerhörigkeit,
  • ein Fremdkörper im Ohr,
  • Menière-Krankheit,
  • ein gutartiger Tumor am Hörnerv (Akustikusneurinom),
  • Taucher- oder Druckluftkrankheit,
  • krankhafte Gefäßveränderungen im Ohrbereich.

Ebenso können Durchblutungsstörungen im Innenohr, ein zu niedriger oder zu hoher Blutdruck, Herzrhythmusstörungen oder bestimmte Medikamente einen Tinnitus hervorrufen. Ein weiterer relativ häufiger Auslöser sind Muskelverspannungen und -verhärtungen im Kiefergelenk oder im Bereich der Halswirbelsäule, denn die somatosensorischen Nervenbahnen im Hirnstamm sind mit der Hörbahn verschaltet.

Die verschiedenen Schweregrade

Grad I: Der Tinnitus ist gut kompensiert, kein Leidensdruck.
Grad II: Der Tinnitus tritt hauptsächlich in Stille in Erscheinung und wirkt störend bei Stress und Belastungen.
Grad III: Der Tinnitus führt zu einer dauernden Beeinträchtigung im privaten und beruflichen Bereich. Zugleich bestehen Störungen im emotionalen, kognitiven und körperlichen Bereich.
Grad IV: Der Tinnitus führt zur völligen Dekompensation im privaten Bereich sowie zur Berufsunfähigkeit.

Stress als Verstärker

 Zwischen seelischer Anspannung und einem Tinnitus scheint ebenfalls ein Zusammenhang zu bestehen. Dieser Aspekt ist erst in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. Studien belegen jedoch, dass Tinnitusgeplagte überdurchschnittlich oft in Lebenskrisen oder als Folge einer chronischen Stressbelastung von Ohrgeräuschen heimgesucht werden. Hinzu kommt, dass gestresste Patienten ihren Tinnitus offenbar schlechter bewältigen können als Menschen, die psychisch nicht vorbelastet sind. Sie sind deshalb besonders gefährdet, dass aus einem akuten ein chronischer Tinnitus wird. Andererseits kann aber auch der Tinnitus selbst ein stresserzeugender Faktor sein – ein Teufelskreis aus Stress, Tinnitus, verstärkter Stress, verstärkter Tinnitus, der ohne therapeutische Hilfe oft nicht zu durchbrechen ist.

Tinnitus entsteht im Kopf

Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass es sich bei Tinnitus um eine Erkrankung des Innenohrs handelt. Es hat sich jedoch gezeigt, dass ein Tinnitus selbst dann bestehen bleibt, wenn der Hörnerv komplett durchtrennt ist und damit kein Schallsignal mehr vom Ohr zum Gehirn weitergeleitet werden kann. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Auch wenn das auslösende Ereignis – z. B. eine verminderte Hörleistung infolge eines Hörsturzes oder eines Schalltraumas – im Innenohr stattfindet, ist der eigentliche Entstehungsort für das Ohrgeräusch aus dem Nichts das zentrale Nervensystem – und nicht das Innenohr. Das Gehirn, das normalerweise darin geübt ist, unwichtige (Hintergrund-)Geräusche zu »ignorieren«, ist plötzlich nicht mehr in der Lage, den Tinnitus aus der Wahrnehmung auszublenden. Ausgangspunkt ist eine verstärkte Erregung entlang der zentralen Hörbahn – die gesteigerte Nervenaktivität konnten die Neurowissenschaftler mithilfe hochmoderner bildgebender Verfahren wie der funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT) oder der Positronenemissions-Tomographie (PET) sogar sichtbar machen. Die Forscher verstehen diese Verstärkungsmechanismen als eine kompensatorische Reaktion auf die Hörverminderung: Weil sie weniger akustische Signale empfangen, steigern die Nervenzellen des Hörzentrums ihre Empfindlichkeit gegenüber den akustischen Reizen, um so den verminderten Input auszugleichen – und erzeugen auf diese Weise einen Phantomton. (Bezeichnenderweise wird das Phänomen denn auch oft mit der Entstehung des Phantomschmerzes verglichen.)

Noch ist nicht vollständig geklärt, wie es zu den verschiedenen Formen des Tinnitus kommt und warum manche Betroffenen kaum, andere dagegen stark unter den Ohrgeräuschen leiden. Allerdings konnte mittlerweile nachgewiesen werden, dass bei Patienten mit einem chronischen Tinnitus in weiteren Hirnarealen signifikante Veränderungen stattgefunden haben, so z. B. im limbischen System, das u. a. für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Möglicherweise hängt es von ebendiesen Veränderungen ab, ob und in welchem Maß es durch die fehlerhafte Aktivität der Nervenzellen zu einer bewussten Tinnitus-Empfindung kommt. 

Trotz aller Forschungsbemühungen – die eine Therapie, die allen Tinnitus-Patienten gleichermaßen hilft, gibt es nicht. Es wurden jedoch verschiedene mehrgleisige Behandlungskonzepte entwickelt, die durchaus erfolgversprechend sind.

Hilfreiche Maßnahmen im Anfangsstadium

Ein akuter Tinnitus erfordert baldmöglich therapeutische Maßnahmen. Weil es so viele Auslöser gibt, ist zunächst jedoch eine exakte Diagnose durch den Arzt sehr wichtig. Nur so kann die adäquate Therapie eingeleitet werden. Allgemein gilt: Dauern die Ohrgeräusche an und sind sie nach einem Tag nicht verschwunden, sollte man umgehend einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder eine spezialisierte Klinik aufsuchen. Je früher die Akutbehandlung eingeleitet wird, desto größer ist die Chance zu verhindern, dass der Tinnitus chronisch wird.

Ziel der HNO-ärztlichen Untersuchung ist es, die Ursache für den Tinnitus aufzuspüren. Handelt es sich z. B. um eine Mittelohrentzündung, kann es sein, dass eine Therapie mit Antibiotika notwendig ist. Besteht der Verdacht auf einen Hörsturz oder die Menière-Krankheit, muss eine andere Behandlung eingeleitet werden.

Dabei wird die früher übliche Infusionsbehandlung mit durchblutungsfördernden Medikamenten in der Tinnitus-Akuttherapie heute nur noch selten angewendet. Stattdessen setzen viele Ärzte inzwischen auf eine Behandlung mit Kortison entweder in Tablettenform, als Infusion oder als Injektion direkt ins Mittelohr. Ob der Einsatz von Kortison jedoch tatsächlich in jedem Fall geeignet ist, wird in Fachkreisen derzeit kontrovers diskutiert.

Bleibt die medikamentöse Behandlung ohne Erfolg und/oder ist zusätzlich das Hörvermögen beeinträchtigt, kann eine sogenannte hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) durchgeführt werden, bei der in einer Sauerstoffdruckkammer reiner Sauerstoff inhaliert wird. Sie ist aber nur bei bestimmten Tinnitusursachen und auch nur in der akuten Phase sinnvoll, etwa wenn ein Lärmschaden den Tinnitus ausgelöst hat.

Das Wichtigste aber ist, dass der Betroffene für Ruhe sorgt: ein paar Tage kürzer treten, viel schlafen und vor allem körperliche Anstrengung und seelische Belastungen vermeiden. Manchmal kann es allerdings auch notwendig sein, einige Tage eine Klinik aufzusuchen, die auf die Behandlung von Tinnitus spezialisiert ist. Bewährt hat sich ein multidisziplinäres Behandlungskonzept, das individuell auf das Krankheitsbild und die Bedürfnisse des Tinnitus-Patienten abgestimmt ist. Beispielsweise hat in München die HNO-Klinik Dr. Gaertner hierfür eine spezielle Behandlungseinheit mit Therapiemodulen sowohl für die akuten bzw. subakuten Stadien als auch für Fortsetzungsbehandlungen eines Tinnitus etabliert. Dabei erfolgt die fachärztliche Behandlung in interdisziplinärer Zusammenarbeit von HNO-Ärzten und Ärzten für Psychosomatische Medizin und sieht u. a. auch eine Physiotherapie sowie verschiedene Sinnes­thera­pien wie Hörtherapie, Stimm-, Sprach- und Atemtherapie, tinnituszentrierte Musiktherapie, Qigong oder Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelrelaxation vor.

Multidisziplinärer Behandlungs­ansatz bei chronischem Tinnitus

Eine fächerübergreifende Therapiestrategie wird von den Behandlungsleitlinien auch für den chronischen Tinnitus empfohlen. Dabei geht es nicht allein darum, den Tinnitus direkt therapeutisch zu beeinflussen, sondern Ziel ist es vor allem, dass der Betroffene sich an den Tinnitus gewöhnt und ihn im Alltag beherrscht (Habituation). Auf diese Weise lässt sich in den meisten Fällen eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität erreichen.

Da sich gezeigt hat, dass sich ein chronischer Tinnitus mit medikamentösen bzw. körperbezogenen Therapieverfahren allein in den meisten Fällen nicht zufriedenstellend behandeln lässt, ist in den letzten Jahren die verhaltensmedizinische Behandlung verstärkt in den Vordergrund gerückt.

Besonders erfolgversprechend ist ein Therapiekonzept, das ebenso HNO-medizinische wie psychologische bzw. psychosomatische Therapien, aber auch sinnes- und entspannungstherapeutische Verfahren miteinander kombiniert. Zu den bewährten Therapiemethoden gehören u. a.:

  • ausführliche Beratung und Aufklärung (Psychoedukation oder Counseling),
  • Bewältigungstraining,
  • Kognitive Verhaltenstherapie,
  • kombinierte Therapieansätze aus akustischer Stimulation und verhaltenstherapeutischen Ansätzen (z. B. Tinnitus-Retraining),
  • Physiotherapie,
  • Körpertherapien,
  • Sinnestherapien (z. B. Stimm-, Sprach- und Atemtherapie, tinnituszentrierte Musik­therapie),
  • Entspannungstherapien und Stress­bewältigungsmaßnahmen,
  • Hörgeräteakustik.

Rauschen gegen Rauschen

 Ein Hilfsmittel der apparativ-akustischen Behandlung ist der Tinnitus-Masker, der darauf abzielt, dass der Tinnitus durch ein anderes Geräusch überdeckt bzw. übertönt (maskiert) wird. Dabei erzeugt der Tinnitus-Masker ein permanentes, breitbandiges Rauschen. Durch die zusätzliche akustische Reizung sollen mit der Zeit auch die Tinnitus-Geräusche als weniger störend empfunden werden, sodass der Betroffene sie im Idealfall schließlich gar nicht mehr hört. Geeignet ist der Tinnitus-Masker aber nur für Patienten, deren Ohrgeräusche sich überdecken lassen.

Verschiedene Hörsysteme bieten sich vor allem dann an, wenn gleichzeitig ein Hörverlust oder eine Überempfindlichkeit gegen Geräusche (Hyperakusis) besteht – Erscheinungen, von denen fast die Hälfte aller Tinnitus-Patienten betroffen ist. Hierfür stehen heute gute Geräte zur Verfügung, die die Funktionalität eines Maskers und eines modernen, digitalen Hörsystems miteinander kombinieren.

Welche Therapiestrategie zur Linderung eines chronischen Tinnitus auch immer zum Einsatz kommt: Fast alle Behandlungspläne sind längerfristig auf einige Wochen, oft sogar auf einige Monate angelegt. Nach Beendigung der Behandlung ist es wichtig, dass der Betroffene die erlernten Bewältigungsstrategien auch im Alltag konsequent umsetzt.

Was tun gegen Tinnitus?

  • Grundsätzlich gilt: bei Ohrgeräuschen schnellstens zum Arzt. In einem frühen Stadium kann Tinnitus am besten behandelt werden.
  • Der Tinnitus ist oft ein Zeichen dafür, dass wir uns zu viel Stress zugemutet haben. Jeder Betroffene sollte sich deshalb der Stressauslöser bewusst werden und aktiv dagegen anzugehen versuchen. Wem es schwer fällt, Stress abzubauen, sollte eine Entspannungstechnik (z. B. autogenes Training, Progressive Muskelentspannung) erlernen.
  • Wer unter chronischem Tinnitus leidet, sollte versuchen, ihn nicht zum Mittelpunkt seines Lebens zu machen. Dank der Fähigkeit des Gehirns, Geräusche zu filtern – man denke nur an die tickende Wanduhr, die mit der Zeit nicht mehr akustisch wahrgenommen wird – ist es durchaus möglich, dass auch die Ohrgeräusche über kurz oder lang leiser werden oder sogar ganz vergehen: Das Gehirn hat gelernt, sie zu »ignorieren«. Voraussetzung ist allerdings, wir achten nicht (mehr) ständig auf sie.

 

Bildquelle (header): Fotolia (underdogstudios)

 

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