Bescheid wissen. Gesund bleiben.

Muskeltraining mit Unterstützung

Deutschland, die Fahrradnation? Nein, schon lange nicht mehr. Heute geht der Trend zur »E-Bike-Nation«. Bereits seit einiger Zeit »infiltrieren« die Elektro-Räder Schritt für Schritt unsere etablierte Radelgesellschaft und übernehmen allmählich die Macht auf unseren Radwegen. Seit 2009 ist der prozentuale Anteil von E-Bikes im deutschen Fahrradmarkt von vier auf zwölfeinhalb Prozent gestiegen. Die motorisierten Bikes sind also auf dem Vormarsch. Und auch ich konnte mich dem Druck der zunehmenden Beliebtheit des Elektro-Rads nicht entziehen und habe einen Selbsttest gestartet.

von Helena Schwinghammer

Von »gewöhnlichen« Fahrradfahrern gleichermaßen belächelt wie beneidet, rollen sie mühelos jeden Hügel hinauf und treten entspannt in die Pedale: die E-Bike-Fahrer. Klingt vielversprechend, aber welche Vorteile oder auch Nachteile hat das E-Bike wirklich? Um das herauszufinden, hilft eigentlich nur eines: es auszuprobieren. So machte ich mich für einen Praxistest an einem milden Herbsttag in den Voralpen zusammen mit meiner Mutter auf den Weg zum nächsten E-Bike-Verleih.

Ein E-Bike – eigentlich fast immer ein Pedelec

Doch bevor ich ins Detail gehe, schnell noch ein Wort zur Begrifflichkeit des Themas. Denn das, was wir hierzulande häufig als »E-Bike« bezeichnen, heißt in Wahrheit »Pedelec« (Pedal Electric Cycle). Die »wahren« E-Bikes ähneln vielmehr Mofas als Fahrrädern, denn der Fahrer gibt mit Griffen am Lenkrad Gas und muss nicht zusätzlich treten. Pedelecs hingegen fungieren lediglich als Unterstützung, der Elektromotor dient zur Trittverstärkung. Der Fahrer muss also noch Muskelkraft einsetzen, um das Rad auf bis zu 25 Kilometer pro Stunde zu beschleunigen. Wer schneller fahren möchte, muss selbst in die Pedale treten. Diese Unterscheidung ist keine rein technische. Auch juristisch ist die Differenzierung unumgänglich. In Deutschland ist ein Pedelec aufgrund seiner vergleichsweise niedrigen Geschwindigkeit dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt, weshalb der Fahrer weder Führerschein noch Zulassung braucht. Außerdem gibt es für Pedelecs keine Altersbegrenzung und keine Helmpflicht. Demgegenüber gelten E-Bikes als Leichtfahrzeuge, weshalb man dafür mindestens 16 Jahre alt sein, einen Mofa-Führerschein besitzen und die entsprechende Fahrzeugzulassung haben muss.

Obwohl die Begriffe also eigentlich präzise voneinander abgegrenzt werden können, werden sie im deutschen Sprachgebrauch wie Synonyme behandelt. Das liegt vor allem daran, dass in Deutschland 95 Prozent der E-Bikes in Wahrheit Pedelecs sind. Ich beziehe mich in diesem Artikel zwar auf normale Pedelecs, verwende aber für eine bessere Verständlichkeit den Begriff E-Bike.

Leichte Bedienung

Hat man diese kleine sprachliche Falle umgangen, kann es nach einer kurzen Anweisung des Verleihdienstes auch schon losgehen. Das Wichtigste ist natürlich erstmal, sich mit der Bedienung vertraut zu machen. Die stellt man sich als Laie deutlich komplizierter vor als sie tatsächlich ist. Ein einfacher An-/Aus-Knopf »startet« das E-Bike: Nun zeigt ein kleiner Bildschirm am Lenker die Geschwindigkeit, die gefahrenen Kilometer oder — je nach Modell — die durchschnittliche Geschwindigkeit an. Ansonsten wirkt das E-Bike auf den ersten Blick wie ein normales Fahrrad — bis auf den Akku, der unter dem Gepäckträger, am Gestell selbst oder direkt bei den Pedalen angebracht ist. Das Interessanteste ist jedoch die Regula­tion der Trittverstärkung, die durch einfache Plus- und Minustasten ebenfalls am Lenker angebracht sind.

Nach einer kleinen Proberunde im Hinterhof des E-Bike-Verleihs fuhren wir also los. Als Gelegenheitsfahrradfahrerin tat ich mich von vornherein leicht mit dem Treten und mit der Bedienung. Tritt man das erste Mal in die Pedale, spürt man zwar einen leichten Schub, empfindet dies aber als nicht weiter störend. Was man jedoch wirklich merkt, ist, wie mühelos man vorwärts kommt. Sofort mit dem ersten Tritt nimmt der Motor seine Arbeit auf und verstärkt gerade so viel, dass das Treten erleichtert wird, man sonst aber nichts von der Schubkraft spürt. Ein gutes E-Bike passt sich dabei der jeweiligen Trittfrequenz und -intensität des Fahrers an und beschleunigt, wenn dieser etwas stärker gegen die Pedale drückt bzw. verringert den Schub, wenn er etwas sanfter tritt.

Meine Mutter, die seit einigen Jahren nicht mehr Fahrrad gefahren war, brauchte etwas länger, um sich an die neuen Geschwindigkeiten (wir fuhren meistens zwischen acht und siebzehn Kilometer pro Stunde) zu gewöhnen, gewann aber auch nach wenigen Metern die gewohnte Sicherheit zurück.

Angenehmes Fahren

Zu Beginn ist es vor allem für unsicherere Fahrer empfehlenswert, sich auf einem Parkplatz oder einer unbefahrenen Straße ein wenig einzufahren und sich erst dann in den Stadtverkehr zu wagen. Wir hatten uns für unsere erste Tour einen betonierten Fußgänger-/Radweg entlang eines Bachs ausgesucht, womit wir, auch im Nachhinein gesehen, sehr zufrieden waren, da wir uns so an das Fahren gewöhnen konnten und dennoch einen schönen Ausflug hatten.

Nach ein paar Minuten in eher gemächlichem Tempo trauten wir uns dann auch, die neuen Möglichkeiten auszuprobieren. Wie bereits erwähnt, lässt sich die Trittverstärkung problemlos mit zwei Knöpfen regulieren. Mein Modell hatte fünf, das meiner Mutter sechs unterschiedliche Verstärkungsstufen, die von »kaum Unterstützung«, bis zu »Turbo«-Antrieb reichten. Auf geraden Straßen kamen wir mit den mittleren Stufen gut zurecht, starke Steigungen waren nur mit der höchsten Stufe und einem entsprechend niedrigen Gang zu erklimmen — das dann aber auch problemlos.

Die Vorteile …

Eines der Hauptargumente für die Anschaffung eines E-Bikes sind die großen Distanzen, die im Gegensatz zu normalen Fahrrädern geradezu mühelos und im Gegensatz zum Auto deutlich gesünder und weniger umweltschädlich zurückgelegt werden können. Denn obwohl ein E-Bike mit Strom aufgeladen werden muss, um fahren zu können, sind die Gesamtemissionen etwa zehnmal geringer als die eines Autos. Außerdem sind E-Bikes, trotz ihres Motors, nahezu lautlos. Und mit der Trittverstärkung kann man auch ohne große Anstrengungen längere Strecken zurücklegen.

Im Alltag könnte das beispielsweise der Weg zum Supermarkt oder zum Arbeitsplatz sein. Eine Fahrt, die sonst also mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln bestritten werden müsste, lässt sich mit einem E-Bike durch eine gesunde und gleichzeitig angenehme »Fahrradtour« ersetzen. Häufig sind diese Strecken auch noch schöner, denn der kürzeste Weg führt ja meist nicht über die Straße, sondern durch Grünanlagen. Und auch bei längeren Strecken, die Arbeitnehmer sonst mit dem Zug zurücklegen, kann man das E-Bike einfach mitnehmen und vom Bahnhof dann weiter zum Arbeitsplatz fahren. Hier sollte man sich allerdings vorher gut informieren, ob das Mitnehmen von Fahrrädern allgemein gestattet ist (in Flugzeugen sind E-Bikes verboten, da ihr Akku als Gefahrengut gilt) und ob der Zug möglichst barrierefrei zu erreichen ist. Denn einen kleinen Nachteil hat das E-Bike im Gegensatz zum gewöhnlichen Fahrrad dann doch: Es ist deutlich schwerer.

… und die Nachteile

Abgesehen von Preis und Gewicht hat das E-Bike noch einen weiteren Nachteil, welcher in erster Linie die »Schnellfahrer« betrifft: Das E-Bike ist mit ausgeschaltetem Motor viel schwerfälliger als ein normales Fahrrad. Hinzu kommt, dass sich der Motor des E-Bikes nicht nur im stehenden Zustand ausschaltet, sondern auch, sobald es eine Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde erreicht hat. Aus eigener Erfahrung kann ich dazu sagen, dass »normal-sportliche« Menschen, die eine Fahrradtour eher als Genuss und weniger als sportliche Ertüchtigung sehen, kaum an diese Grenze stoßen werden.

Eine weitere Einschränkung des E-Bikes stellt sein Akku dar. Denn durch ihn dauert eine Fahrradtour eben nur so lange, bis er wieder aufgeladen werden muss. Die Akku-Reichweite ist jedoch von Modell zu Modell anders und variiert zusätzlich nach Geschwindigkeit, Trittfrequenz, Verstärkungsgrad, Steigung und vielen weiteren Einflussfaktoren. Uns wurde gesagt, dass die Akkus unserer Räder 60 bis 100 Kilometer halten würden. Andererseits haben viele Tankstellen mittlerweile Anschlüsse für Elektro­autos, an denen man auch sein E-Bike aufladen kann. Der Akku eines E-Bikes sollte, wie jeder andere auch, alle drei bis fünf Jahre ausgetauscht werden.

Mit unseren gemieteten E-Bikes kamen wir natürlich nicht in diese Bredouille, weshalb wir entspannte drei Stunden lang Rad fahren konnten. Während der Fahrt und vor allem danach waren wir zwar nicht allzu erschöpft, fühlten uns aber doch sportlich »ausgefüllt«. Entgegen seines Images ist ein E-Bike nämlich kein Fahrzeug nur für Senioren oder Sportverweigerer, es ist tatsächlich nur das, was es auch sein soll: eine Hilfe. Durch die Trittverstärkung bewegten wir uns drei Stunden lang ununterbrochen und verbrachten diese Zeit auch noch an der frischen Luft. Das Fahrgefühl ist in etwa so, als ob man die ganze Zeit leicht bergabfahren würde, auch wenn man in Wahrheit gerade einen Hügel erklimmt. Und selbstverständlich kann das auch eine extreme Erleichterung für Senioren oder Menschen mit einer körperlichen Beeinträchtigung sein, die sonst nicht (mehr) die Möglichkeit hätten, Fahrrad zu fahren.

Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass ich das E-Bike als eine Bereicherung empfinde. Da ich ein Fahrrad in erster Linie als Fortbewegungsmittel sehe, hatte ich große Freude an dem neu gewonnenen »Fahrspaß«. Gern würde ich das E-Bike in meinen Alltag integrieren, da ich mir sicher bin, mit ihm häufiger auch längere Strecken zu fahren, die ich sonst mit Auto oder Bahn zurücklegen würde. Das einzige, was mich davon abhält, ist der hohe Anschaffungspreis — der lässt sich, meiner Meinung nach, kaum vertreten.

Allerdings: Wer sein Fahrrad primär als Sportgerät verwendet und gewöhnt ist, hohe Geschwindigkeiten zu fahren, wird mit dem E-Bike keine Freude haben. Für den passionierten Radfahrer lohnt sich die Trittverstärkung schlichtweg nicht und kann sogar hinderlich sein. Gleichwohl: Das E-Bike kann eine enorme Erleichterung des Alltags insbesondere für ältere und / oder körperlich beeinträchtigte Menschen sein und auch »normalen« Fahrradfahrern, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, wieder Freude am Fahren bringen. Aus diesen Gründen ist das E-Bike — zu Recht — auf dem Vormarsch. Und vielleicht heißt es ja bald wirklich: »Deutschland, die E-Bike-Nation«.

E-Bikes: Die Fakten 

  • 1,6 Millionen E-Bikes und Pedelecs fahren auf deutschen Straßen, das entspricht 12,5 Prozent des Fahrradmarkts (Stand 2016)
  • Geschwindigkeit: bis zu 25 Kilometer pro Stunde
  • Kein Führerschein, keine Zulassung, keine Helmpflicht
  • ca. 30 Kilogramm schwer
  • Anschaffungskosten: zwischen 1000 und 2500 €
  • Akku-Haltbarkeit: 3 – 5 Jahre (200 – 500 €)
  • Akku-Reichweite: 60 –100 Kilometer
  • Akku-Ladezeit: 2,5 –12 Stunden (je nach Anbieter / Modell)

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